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Dipl.-Psych. Frank Nachtigall

Psychologischer Psychotherapeut

Praxis für Psychotherapie in Nippes - alle Kassen

Neusser Str. 182 - 50733 Köln

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Schematherapie:

Die Schematherapie ist eine Form der Psychotherapie, welche zur sogenannten "dritten Welle" der kognitiv-verhaltenstherapeutischen Therapien zählt. Sie erweitert die Methoden der kognitiven Therapie um Elemente und Aspekte der psychodynamischen, psychoanalytischen Konzepte und anderer bewährter und wirksamer psychologischer Theorien und Therapieverfahren wie der Objektbeziehungstheorie (nach Kernberg), der Transaktionsanalyse, der Hypnotherapie und der Gestalttherapie. Die Schematherapie wurde von Jeffrey Young aus der "kognitiven Therapie für Persönlichkeitsstörungen" (nach Aaron Beck) heraus entwickelt und geht davon aus, dass Menschen bestimmt, erlernte Grundschemata besitzen, welche darauf abzielen die individuellen seelischen Grundbedürfnisse zu befriedigen und dazu das Verhalten von Menschen beeinflussen und mitsteuern.

Die Schematherapie ist demnach eine Therapiemethode, welche die psychologischen und psychotherapeutischen Ansätze der kognitiven Therapie, der Verhaltenstherapie, der Stressverarbeitungstheorie(n), der Bindungstheorie (nach J. Bowlby und M. Ainsworth), der Gestalttherapie (nach F. Perls), der klientenzentrierten Gesprächstherapie (nach C. Rogers), der Transaktionsanalyse (nach E. Berne), der Abwehrmechanismen (nach S. Freud und A. Freud) und der Individualpsychologie (nach A. Adler) miteinander kombiniert.

Was sind Schemata?
Das wohl am meisten verbreitete Konzept des Schemas in der Psychologie stammt von Jean Piaget, der es seiner konstruktivistischen Erkenntnistheorie zugrunde legte. Die heutige Schematherapie ist ein Erklärungs- und Behandlungsmodell vor allem für Patienten mit Persönlichkeitsstörungen (z. B. emotional-instabiler Persönlichkeit oder narzisstischer Persönlichkeit) und geht davon aus, dass in der Kindheit und im Verlauf des Lebens Schemata erworben und ausdifferenziert werden, die weitreichende Muster (Cluster) aus Erinnerungen, Emotionen, Kognitionen und Körperempfindungen beinhalten und das Verhalten steuern. Diese können mit der eigenen Persönlichkeit unvereinbar sein, ihr entgegenstehen und hinderlich sein. Der Schemabegriff der Schematherapie darf jedoch nicht mit dem tiefenpsychologischen Begriff „Konfliktschema“ aus den Psychodynamischen Psychotherapien (Analytische und Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie) verwechselt werden. Dort beschreibt ein Konfliktschema - im Gegensatz zum stabilen innerpsychischen Schema der Schematherapie - kein "umschriebenes stabiles Konfliktmuster“, wie es bei sog. strukturellen Störungen typisch ist. Young bezeichnet solche früh erworbenen hinderlichen Schemata als „frühe maladaptive Schemata“ (Early Maladaptive Schemas). Bei einem frühen maladaptiven Schema handelt es sich nach Young (2005) u. a. um „ein weitgestrecktes, umfassendes Thema oder Muster, das aus Erinnerungen, Emotionen, Kognitionen und Körperempfindungen besteht und sich auf den Betreffenden selbst und seine Kontakte zu anderen Menschen bezieht. Dieses Muster ist in der Kindheit oder Adoleszens enstanden, wurde im Laufe des weiteren lebens weiter ausgeprägt und ist heute stark dysfunktional."
 
Problematische (dysfunktionale) Verhaltensweisen entstehen dabei als Reaktion auf ein Schema, sind jedoch selbst kein Teil des Schemas. Ein maladaptives Schema entsteht durch schädliche Kindheitserlebnisse, die auf der Verletzung menschlicher Grundbedürfnisse basieren. Dabei werden traumatische Erlebnisse, die Erfahrung der Nichterfüllung wesentlicher Grundbedürfnisse durch die frühen Bezugspersonen, aber auch deren Übererfüllung durch „Zuviel des Guten“ oder selektive Internalisierung bzw. Identifikation mit wichtigen Bezugspersonen unterschieden. Somit entstehen fast alle Schemata durch schädigende (jedoch nicht unbedingt traumatische) Erlebnisse, die sich während der Kindheit und Adoleszenz regelmäßig wiederholen und gemeinsam zur Ausprägung des Schemas führen. Schemata werden aufrechterhalten aufgrund des menschlichen Strebens nach Konsistenz. Obwohl es Leiden verursacht, fühlt sich das Schema aufgrund seiner Vertrautheit „richtig“ an. Dadurch fühlt man sich durch Ereignisse angezogen, die das eigene Schema aktivieren. Darin überschneidet sich der Schemabegriff der Schematherapie mit dem Begriff des unbewussten neurotischen Konflikts der psychodynamischen Therapien, der sich in repetitiv-dysfunktionalem Beziehungsverhalten zeigt.

Schemata ähneln auch dem psychodynamischen Konzept des Introjekts, sind aber umfassender konzipiert, indem die aus Normen und Werten resultierenden Emotionen und Körperempfindungen sowie die daran geknüpften Erinnerungen in das Konzept gleich integriert wurden, womit auch gleichzeitig ihre Resistenz gegen Änderungen erklärt wird.

Beispiele für maladaptive Schemata und zugehörige Bewältigungsreaktionen:

Schemata betreffen den Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen. Ihre Entstehung bewirkt, dass der Mensch dem Schema entsprechende Bewältigungsstile und Bewältigungsreaktionen entwickelt. Im Menschen entsteht beispielsweise das "Schema der eigenen Unzulänglichkeit“, wenn er als Kind das Gefühl hatte, er sei es nicht wert, geliebt zu werden. Daraus entwickelt er als Erwachsener beispielsweise die Bewältigungsreaktion, sich vor Liebe zu fürchten, weil er es kaum glauben kann, dass man ihn schätzen kann (Bewältigungsreaktion entsprechend einer Form der „Flucht“ im Rahmen der drei Bewältigungsstile „Kampf“, „Erstarrung“ oder „Flucht“).

Wurde der Mensch als Kind nicht zur Selbständigkeit erzogen, so dass er sich inkompetent fühlt, entsteht das "Schema der Abhängigkeit“. Die entsprechende Bewältigungsreaktion könnte sein, sich als Erwachsener vom Partner abhängig zu machen und dominieren zu lassen („Erdulden“/„Erstarrung“).

Wurde der Mensch als Kind durch inkonsequentes Verhalten der Eltern verzogen und ihm keine Grenzen gesetzt, entsteht das "Schema der Anspruchshaltung“. Die daraus entwickelte Bewältigungsreaktion könnte sein, dass der Mensch als Erwachsener schnell wütend wird, wenn er nicht bekommt, was er will („Angriff“).

Wurde der Mensch als Kind oftmals allein gelassen oder zurückgewiesen, entsteht das "Schema der Verlassenheit“. Die daraus entwickelte Bewältigungsreaktion könnte sein, dass der Mensch als Erwachsener sich an andere Menschen anklammert, aus Angst verlassen zu werden.

Die Form des Bewältigungsstils und der Bewältigungsreaktion kann sich entweder als Verhalten manifestieren und/oder als Gedanke/Kognition oder Gefühl/Affekt. Bewältigungsreaktionen und -stile können sich für einen Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen und Lebenssituationen ändern, auch wenn das Schema erhalten bleibt. Deshalb werden Schemata und Bewältigungsreaktionen voneinander getrennt beschrieben.

Bewältigungsstile und Bewältigungsreaktionen:

Young unterscheidet drei maladaptive Bewältigungsstile, die die Betroffenen schon früh im Leben entwickeln, um sich den Schemata (und den damit zusammenhängenden schwer erträglichen Gefühlen) anzupassen. Diese Bewältigungsstile sind selbst kein Bestandteil des Schemas und bleiben auch nicht unbedingt stabil. Häufig werden in unterschiedlichen Situationen oder unterschiedlichen Stadien des Lebens unterschiedliche Bewältigungsstile eingesetzt. Die drei Bewältigungsstile sind nach Young:

  • Sich-Fügen: Der Betroffene fügt sich in sein Schema, übernimmt die Rolle des „Kindes“ und wählt z. B. Partner, die ihn so behandeln, wie es der verletztende Elternteil getan hat.
  • Überkompensation: Der Betroffene versucht, sich möglichst entgegengesetzt zu dem Schema zu verhalten (z. B. beim Schema 'Unzulänglichkeit' der Versuch, Perfektion zu erreichen; beim Schema 'Unterwerfung' der Versuch, andere zu unterwerfen).
  • Vermeiden: Der Betroffene versucht sich so zu verhalten, dass sein Schema möglichst nicht aktiviert wird (unterdrückt Gefühle, trinkt Alkohol, sucht den Kick in immer neuer Erregung, entwickelt einen Reinlichkeitszwang, vermeidet vertrauliche Beziehungen oder berufliche Herausforderungen etc.).

Nach Young ist ein Bewältigungsstil eine Ansammlung von Bewältigungsreaktionen, die ein Mensch anwendet, um sich zu fügen, zu überkompensieren oder zu vermeiden. Eine Bewältigungsreaktion ist somit ein bestimmtes Verhalten oder eine Strategie (z. B. Bier trinken), die zu einem Bewältigungsstil gehört (z. B. Vermeiden), der bei der Bewältigung eines bestimmten Schemas (z. B. Verlassenheit) in einer bestimmten Situation (z. B. Streit mit der Freundin) eingesetzt wird.

Schemamodi:

Schemamodi sind nach Young „Schemata oder Schema-Operationen, die bei einem Menschen in einem konkreten Augenblick aktiv sind“. Schemamodi können funktional oder dysfunktional sein. Dysfunktionale Schemamodi sind „Teile des Selbst, die in mehr oder minder starkem Maße von anderen Aspekten des Selbst abgeschnitten“ (dissoziiert) sind. Bei der Arbeit mit Patienten mit emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung ("Borderline") konnte festgestellt werden, dass bei diesen häufig eine unüberschaubar große Zahl von Schemata und Bewältigungsreaktionen vorlagen, die zudem ständig wechselten. Das Konzept der Schematherapie wurde daher entwickelt, um ständig wechselnde Zustände zu erklären und mit diesen zu arbeiten.

Therapieverlauf:

Um die vom Patienten gewünschte Veränderung im Leben erreichen zu können, müssen in einer ersten Phase der Einschätzung und Edukation die Schemata bzw. Modi identifiziert werden, die bewirken, dass bestimmte unerwünschte Verhaltensweisen immer wieder ausführt werden. Dabei wird der Patient über die Grundannahmen und das Vorgehen der Schematherapie informiert, es erfolgt eine Einschätzung der aktuellen Probleme und eine Problemanamnese und der Therapieziele. Mithilfe von Fragebögen werden die maladaptiven Schemata identifiziert und im Gespräch mit dem Patienten überprüft. Dabei wird dieser auch informiert über die Annahmen des Therapeuten, der daraufhin ein Fallkonzept erstellt. Danach tritt die Therapie in die zweite Phase der Veränderung ein. In den beiden Therapiephasen kommen fünf Interventionsprinzipien zum Einsatz: 1.) Einschätzung und Edukation über Schemata, 2.) Kognitive Interventionen, 3.) Erlebnisbasierte Interventionen, 4.) Unterbrechung maladaptiver Verhaltensmuster, bei der auch mit Hilfe bewährter Methoden aus der Verhaltenstherapie die Überwindung der unerwünschten Verhaltensmuster erreicht werden soll. Als 5.) Interventionsprinzip wird auch die Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Patienten als Mittel zur Veränderung eingesetzt. Damit das unerwünschte Verhalten nicht automatisch wieder ausgeführt wird, erarbeitet der Patient innerhalb der Therapie Wege, eine „innere Distanz“ zu seinen eingefahrenen Verhaltensmustern herzustellen. Dazu erhält er den Auftrag, das eigene Verhaltensrepertoire wertfrei aus einem Abstand zu beobachten und zu analysieren. Die wertfreie Beobachtung soll Selbsterkenntnis und Verstehen der Ursachen der vom Patienten unerwünschten Verhalten ermöglichen. Aus der Selbsterkenntnis heraus kann der Patient in der nächsten entsprechenden Situation bewusster handeln, der „Falle alter Verhaltensmuster“ entgehen und für diese Situationen neue, von ihm erwünschte Handlungsmuster entwerfen.

Als Hilfsmittel für eine Distanzierung zu den eigenen Gefühlen, zum Verstehen der alten sowie zum Erarbeiten der neuen Verhaltensmuster, wird die therapeutische Spaltung (Dissoziation) eingesetzt. Das ist eine therapeutisch erwünschte und bewusst herbeigeführte Aufspaltung in verschiedene Aspekte der eigenen Persönlichkeit, die bildhaft vorstellbar sind, beispielsweise das "innere Kind" in unterschiedlichen Erscheinungsformen/Modi wie: "verletztes", "verärgertes", "undiszipliniertes" oder "glückliches Kind".

Innerhalb der Behandlung leitet der Therapeut Imaginationen an und übernimmt beispielsweise im imaginativen Rollenspiel einen Part der Eltern. Dabei bietet er dem Patienten über das sogenannte "Reparenting" die elterlichen Qualitäten an, die fehlten. Je nach Problematik und bestehenden Schemata kann dies elterliche Fürsorge sein, Stärkung des Vertrauens, Vermittlung von Stabilität, emotionale Zuwendung oder Fördern der Unabhängigkeit. Das Ziel der therapeutischen Arbeit besteht darin, entsprechend dem Vorbild des Therapeuten den Schemamodus „gesunder Erwachsener“ zu verinnerlichen. Mit dessen Hilfe soll der Patient zukünftig die Wirkung maladaptiver Schemata erkennen und gesunde Verhaltensweisen entwickeln können, also: erlernte Automatismen durch zielgerichtete, bewusste und angemessene Handlungen ersetzen. Der zugehörige therapeutische Prozess arbeitet mit innerer Distanzierung, bewusster Wahrnehmung, sehr detaillierter Betrachtung und Benennung der verschiedenen Aspekte der Verhaltensgrundmuster.

(Quelle: Young, E.: Schematherapie; Wikipedia)